Bowers & Wilkins PI7 im Test: Viel Geld für viel Sound

Lange hat sich der britische Audioexperte Bowers & Wilkins Zeit gelassen, um seine ersten True Wireless Kopfhörer auf den Markt zu bringen. Nun hat B&W sein Debüt hingelegt und das gleich im Doppelpack: Während die PI5 sich im Preisbereich von Sonys WF-1000XM4 oder Sennheisers Momentum True Wireless 2 ansiedeln, stehen die PI7 mit 450 Franken zumindest preislich so ziemlich alleine auf weiter Flur. Mir hat Bowers & Wilkins letztere zur Verfügung gestellt, um mich selbst davon überzeugen zu können, dass diese ihr Geld wert sind.

Nach einer Testzeit von rund drei Wochen kann ich sagen: Klanglich bleiben einen die PI7 nichts schuldig. Allerdings gibt es ein paar Aspekte, die bei diesem Preis hätten besser sein müssen.

Schlichtes, aber wertiges Design

Kauft man sich Kopfhörer im Premiumbereich, erwartet man auch ein entsprechendes Design. Etwas, das beispielsweise Sennheiser bei seinen Kopfhörern noch nicht so richtig auf die Reihe bekommt. Bowers & Wilkins wiederum hat da bereits bei seinen Over-Earn schöne Arbeit abgeliefert und tut das auch bei den PI7. Nein, ein Risiko geht B&W nicht ein, setzt stattdessen auf klassische Elemente, die sich in einem kantigen Design widerspiegeln. Dieses setzt sich aber genug von anderen Kopfhörern ab, um als eigenständig zu gelten. Beim Schwarz verzichtet Bowers & Wilkins glücklicherweise auf Hochglanz und kleidet Case und Kopfhörer stattdessen in ein mattes Schwarz, das genau im richtigen Verhältnis von zartem Bronze ergänzt wird. Auch die geriffelte Oberfläche der Touch-Bedienung ist ein sehr schönes Detail, das die In-Ears optisch aufwertet. Der Aufdruck des Markennamens ist filigran und dezent angebracht, so mag ich das.

Bowers & Wilkins PI7 im Test.
Bild: vybe

Etwas gross geraten ist das Case der PI7. Das liegt vor allem daran, dass sich Bowers & Wilkins für eine quadratische Form entschieden hat. Dadurch wirkt das Case etwas wuchtiger als beispielsweise dasjenige der Freebuds 4 von Huawei – obwohl beide in etwa die gleiche Höhe und Breite aufweisen. Leider spiegelt sich diese Grösse nicht in einer aussergewöhnlichen Akkukapazität des Cases wider. Womöglich wurde der zusätzlich Platz benötigt, um die Technik für ein sehr nützliches Feature unterzubringen, mithilfe dessen man Audiosignale via USB-C und Klinkenstecker zu den Kopfhörern schicken kann. Zu beidem gehe ich später noch näher ein.

Bowers & Wilkins PI7 im Test im Vergleich zu Sony und Huawei.
Bild: vybe
Bowers & Wilkins PI7: Gehäuse im Grössenvergleich mit Sony und Huawei.
Bild: vybe

Kopplung und Verbindungsstabilität mit Höhen und Tiefen

Die Bowers & Wilkins PI7 kommen mit Bluetooth 5.0 und lassen sich grundsätzlich rasch und zuverlässig verbinden. In diesem Preissegment hätte aber Bluetooth 5.2 drin liegen müssen. Etwas spannend machen es die PI7, wenn man sie das erste Mal koppeln möchte: Nach dem Drücken der Kopplungstaste tauchen in Kopplungsliste des Smartphones oder Computers gleich vier, teilweise sogar fünf Verbindungsmöglichkeiten mit dem Namen PI7 oder Bowers & Wilkins auf. Das liegt wohl daran, dass man das Case auch als Bluetooth-Station verwenden kann. Allerdings müsste man dann meinen, dass trotzdem nur zwei Geräte gelistet werden: Einmal die Earbuds (gekennzeichnet durch das Kopfhörersymbol), einmal das Case. Tragisch ist das nicht, irritiert im ersten Moment aber etwas.

Bowers & Wilkins PI7 Verbindung.
Bild: vybe

Die Verbindung war bei meinem Testexemplar immer stabil, solange ich nicht zu weit weg von meinem Smartphone war. Ich mache bei meinen Tests immer den gleichen Verbindungstest, indem ich das Smartphone in meinem Büro lasse und dann mit den aufgesetzten Kopfhörern in meine Küche gehe. Das sind etwa zehn Meter direkte Luftlinie, allerdings mit zwei Wänden und einigen Elektrogeräten dazwischen. Leider haben die PI7 diesen Test nicht bestanden. Während die Sony WF-1000XM4 und selbst die wesentlich günstigeren Huawei Freebuds 4i die Musik störungsfrei weiter übertragen, brach die Verbindung zu den PI7 immer wieder ab. Hier haben die teuren Kopfhörer von B&W also das Nachsehen.

Sound zum Niederknien, ANC hat Luft nach oben

Ich hatte erst kürzlich einen Test zu Sonys WF-1000XM4 verfasst und darin den wirklich guten Sound gelobt. Und nun kommt Bowers & Wilkins und toppt das noch. Nicht schlecht! Was mir besonders gefallen hat, ist, dass die PI7 einen schön neutralen Klang haben. Hier drängen sich Bässe nicht in den Vordergrund, wo es nicht gewollt ist und vermiesen einem das Klangbild. Stattdessen bekommt man so einen nuancierten Klang, dass mir das erste Mal, als ich Billie Eilishs «Everything I Wanted» gehört habe, ein kalter Schauder über den Rücken lief. Selbst die leisesten Back Vocals sind noch klar hörbar und wenn man die Augen schliesst, könnte man meinen, die Sängerin stehe neben einen im Raum und gebe ein Privataudition.

Bowers & Wilkins PI7 im Test
Bild: vybe

Das heisst aber nicht, dass man mit den PI7 nicht in den Genuss eines ordentlichen Basses kommt. So hören sich Polo & Pan mit «Ani Kuni» oder Laserkraft 3D mit «Weightless» grossartig an. Der Bass dröhnt klar und akkurat ins Ohr, aber lässt dabei die etwas leiseren Klänge, die einen Song erst richtig abrunden, genauso zu. Die PI7 liefern im Bereich der In-Ears damit ein Klangbild, das am ehesten an den Originalsound herankommt, den der Produzent im Studio abgemischt hat.

Noch nicht mithalten kann Bowers & Wilkins im In-Ear-Bereich bei der Geräuschunterdrückung. Diese arbeitet mit drei Mikrofonen pro Earbud und hat auch einen Transparent Mode, der Geräusche durchlässt. Es ist nicht so, dass das ANC der PI7 schlecht wäre, aber eben auch nicht wirklich bemerkenswert. Ja, es tut seinen Dienst, aber es war im Direktvergleich nicht besser als das der Huawei Freebuds 4i – Kopfhörer, die gerade einmal 79 Franken kosten. Da sind wir dann eben wieder beim Preisproblem: Für 100 Franken würde ich sagen: Top ANC für diesen Preis. Für 450 Franken ist es aber eben nur durchschnittlich.

Ein Feature, das nützlicher ist als man denkt

Gepunktet haben die PI7 bei mir auch mit einem Feature, dass ich zuerst unter «nett, aber nicht unbedingt nötig» abgestempelt hatte. Im Case ist mit eigenem Bluetooth ausgerüstet. Was das bringt? Nun, mit den mitgelieferten Kabeln (USB-C zu USB-C und USB-C zu Klinkenstecker) kann man das Case an eine eigene Soundquelle anschliessen. Danach verbindet man die In-Ears einfach mit dem Case und schon hört man Musik von der heimischen Stereoanlage aus, die kein Bluetooth hat.

Bowers & Wilkins PI7 im Test
Bild: vybe

Ich habe das Feature vor allem zu schätzen gelernt, weil ich so meinen älteren Fernseher, der noch kein Bluetooth hat, endlich mit Kopfhörern nutzen konnte. Und meine alte Nintendo Switch. Selbst im Flugzeug sind die Kopfhörer äusserst nützlich, da man sie einfach ans Bordsystem anschliessen kann. Nein, ein Killer-Feature ist diese Funktion wohl nicht, aber ein sehr nützlicher Bonus.

Eine App gibt es, aber ohne nützliche Funktionen

Es ist mir beinahe etwas unangenehm, aber wieder muss ich Sony und seine WF-1000XM4 als Referenz heranziehen: Bei meinem Test hatte ich die ausführlichen Konfigurationsmöglichkeiten der Sony-In-Ears durch die App gelobt. Die Anwendung hat die Kopfhörer sinnvoll erweitert und gefühlt unendliche Individualisierungsmöglichkeiten geboten. Die App von Bowers & Wilkins hingegen ist das pure Gegenteil. So sehr ich B&W mag, hier muss sich der Hersteller die Frage gefallen lassen, wofür es die App überhaupt gibt? Sie bietet nämlich nicht einmal die Möglichkeit, die Touch-Belegung anzupassen, eigentlich etwas, das selbst Einsteiger-Kopfhörer unter 100 Franken bieten. Tatsächlich kann ich die App nur benutzen, um mir den Akkustand anzeigen zu lassen, das ANC abzuschalten, auf automatisch umzustellen oder den Transparent Mode zu aktivieren und zu regeln. Ansonsten kann man noch die Tragesensorik ausschalten, den Namen der Kopfhörer ändern und den Kopplungsverlauf anschauen. Dass es noch eine Funktion gibt, mit der man Naturgeräusche abspielen kann, um sich zu entspannen, ist etwas gesucht. Dafür kann ich auch einfach YouTube nehmen.

Bowers & Wilkins PI7 App
Das ist im Wesentlichen die ganze App für die PI7. | Bild: vybe

Akkulaufzeit nicht über Durchschnitt

Kommen wir nun zur vorgängig erwähnten Akkukapazität. Hier haben mich die PI7 ein bisschen enttäuscht. Mit dem Akku, der im Case verbaut ist, halten die Kopfhörer im Idealfall rund 20 Stunden durch. Das ist nicht unbedingt ein schlechter Wert, bei 450 Franken hätte ich mir allerdings mehr erhofft. Die Konkurrenz liefert hier bei weitaus günstigeren Kopfhörern und teilweise sogar kompakteren Cases mehr – 24 Stunden aufwärts sind da keine Seltenheit mehr. In der Praxis halten die PI7 mit einer Akkuladung und aktivem ANC meist nicht länger als drei Stunden durch. Das ist ein Wert, der besser sein dürfte, da andere Modelle hier schon Werte von vier Stunden erreichen. Was mich beim Thema Akku ebenfalls gestört hat, sind folgende zwei Dinge:

1. Es gibt keine Warnung, bevor der Akku leer ist

Wenn der Akku leer ist, gibt es ein akustisches Signal und dann schaltet sich der Kopfhörer ab. Ich bin kein Fan davon, wenn ein Kopfhörer einen eine Stunde lang alle fünf Minuten darauf hinweist, dass der Akku demnächst leer ist. Das pure Gegenteil wie im Fall der PI7 ist aber auch keine optimale Lösung. Immerhin sind die Kopfhörer dank Schnellladung nach zehn Minuten wieder für zwei Stunden einsatzbereit.

2. Der eine Earbud ist oft viel schneller leer als der andere

Es kam tatsächlich immer wieder vor, dass der Akku des einen Earbuds massiv schneller leer war als der andere. Es ist nicht unbedingt seltsam, wenn ein Earbud schneller leer ist als der andere. Sowas passiert auch bei TWS anderer Hersteller. Der Grund liegt darin, dass der eine Earbud der sogenannte Primäre ist, während der andere der Sekundäre ist. Damit ist es beispielsweise möglich, dass man mit einem Kopfhörer weiter Musik hören kann, während der andere nicht im Ohr steckt. Je nachdem, welchen Earbud man zuerst aus dem Case nimmt, wird diesem automatisch die primäre Funktion zugewiesen, während der andere der Sekundäre ist.

Zieht man dann immer den gleichen Earbud zuerst aus dem Case, so wie ich das tue, kann sich schon einmal eine Differenz von bis zu zehn Prozent ergeben. Im Falle der PI7 habe ich aber nicht schlecht gestaunt, als mein primärer Earbud sich abgeschaltet hat, während der sekundäre noch über 30 Prozent Akku aufgewiesen hat. So eine grosse Diskrepanz ist für mich dann doch ein No-Go.

Bowers & Wilkins PI7: Pro & Contra

  • Vermutlich der beste Sound, den du aktuell bei In-Ears finden kannst
  • Dezentes, aber edles Design
  • Case kann als Bluetooth-Transmitter benutzt werden
  • Akkulaufzeit dürfte besser sein
  • Nur Bluetooth 5.0, das bei grösserer Distanz Mühe hat
  • Geräuschunterdrückung höchstens Durchschnitt
  • App ohne wichtige Basisfunktionen wie Ändern der Touch-Steuerung

Bowers & Wilkins PI7: das Testfazit

Bowers & Wilkins PI7 im Test/Review.
Bild: vybe

Bowers & Wilkins hat mit seinen ersten TWS-Kopfhörern ein durchwachsenes Produkt abgeliefert. Beim Sound überzeugen die PI7 auf ganzer Linie und unterstreichen das Know-how von B&W. Mit der Möglichkeit, das Case der PI7 als Bluetooth-Sendestation zu verwenden und so auch einen alten TV oder eine Audioanlage als Abspielgerät zu verwenden, ist man auch innovativ. Auch das Design gefällt mit schlichter Eleganz. Auf der anderen Seite sind da Dinge wie eine eher mässige Akkulaufzeit, durchschnittliche Geräuschunterdrückung, Bluetooth, das nicht auf dem neusten Stand ist und eine App, die keine relevanten Einstellungsmöglichkeiten bietet. Würden die PI7 um die 199 Franken kosten, wäre das alles verkraftbar, da der Sound wirklich überragend ist. Aber für 450 Franken muss auch der Rest perfekt sein. Wenn Bowers & Wilkins es schafft, die erwähnten Mängel beim Nachfolgemodell zu beheben, reden wir tatsächlich von einem Premiumprodukt.

Pascal Scherrer
Ich mag Technik, Filme und Serien. Darum schreibe ich hier darüber. Klingt plausibel, oder?

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