Technik

Wir haben ein Handy getestet, das du gar nicht kaufen kannst

Die Rückseite vom Huawei Nova 10 Pro

Mit dem Nova 10 Pro hat Huawei im September 2022 auf der IFA in Berlin ein neues Smartphone der gehobenen Mittelklasse präsentiert, das ursprünglich auch für die Schweiz angekündigt wurde. Von Huawei haben wir vor einigen Wochen ein Testgerät erhalten, das wir natürlich auf Herz und Nieren geprüft haben. Damals sah es noch so aus, als ob das Nova 10 Pro auch hierzulande in den Verkauf gelangen würde.

In der Zwischenzeit haben sich die Pläne von Huawei jedoch geändert: Das Huawei Nova 10 Pro kommt nicht in die Schweiz – zumindest offiziell nicht. Über die Gründe für diesen Entscheid, können wir nur spekulieren und das möchten wir nicht. Da wir den Testbericht bereits fertiggestellt haben, möchten wir euch unser Test zum Huawei Nova 10 Pro dennoch nicht vorenthalten.

Aussehen und Verarbeitung

Beim Nova 10 Pro fällt unweigerlich der dominante und ovale Kamerabuckel auf der Rückseite auf. Es ist ein Designmerkmal, das uns schon beim Flaggschiff-Smartphone Huawei P50 Pro (positiv) aufgefallen ist. Huawei bringt darin drei Kamerasensoren unter, rechts ins Gehäuse ist zusätzlich ein LED-Blitz integriert. Schade, ist dieser nicht direkt im Kamerabuckel untergebracht. Auch schade, dass der Kamerabuckel derart aus dem Gehäuse ragt.

Über die Farbgestaltung unseres Testgeräts in der Variante „Starry Silver“ kann man sich zweifelsohne streiten: Gold/Silber ist jetzt auch nicht unbedingt meine bevorzugte Kombination. Wer es etwas dezenter mag, sollte sich das Nova 10 Pro in der Farbkombi „Starry Black“ (Schwarz / Silber) zu Gemüte führen. Die silberfarbene Rückseite hat aber auch einen entscheidenden Vorteil: Sie hat sich als resistent auf Fingerabdrücke bewährt.

Die Lautstärke-Wippe und Power-Button sind beide rechts
Bild: vybe

Das Nova 10 Pro bringt laut Datenblatt genau 191Gramm auf die Waage. Damit gehört es nicht zu den leichtesten, aber auch nicht zu den schwersten Smartphones. Im Alltag fühlt es sich interessanterweise irgendwie leichter an. Diese Erkenntnis dürfte vor allem der hervorragenden Haptik des Smartphones „geschuldet“ sein. Die Längsseiten sind hinten und vorne abgerundet, womit sich das Smartphone regelrecht in die Hand schmiegt.

Huawei hat alle physischen Tasten auf der rechten Seite integriert. Sie sind optimal platziert, so dass sie problemlos und ohne irgendwelche Verrenkungen erreicht werden können. Oben und unten sind zwei Öffnungen für die Stereo-Lautsprecher in das Gehäuse eingelassen. Zusätzlich gibt es unten unter anderem ein SIM-Schacht und ein USB-C-Anschluss.

Bei der Verarbeitung gibt sich Huawei einmal mehr keine Blösse und liefert ein Smartphone ab, dass absolut keine Kritik zulässt. Da ruckelt nichts, gibt keine unschönen Spalten und auch die physischen Tasten überzeugen mit einem einwandfreien Druckpunkt. Kurzum: Die Verarbeitung vom Huawei Nova 10 Pro ist durch und durch hochwertig.

Display

Huawei integriert beim Nova 10 Pro ein 6,78 Zoll grosses AMOLED-Display mit einer Auflösung von 2652 x 1200 Pixel und einer maximalen Bildwiederholrate von 120 Hertz. Die Längsseiten des Displays sind abgerundet, was den einen oder anderen stören könnte. Mich haben sie nicht gestört, zumal es während des Tests zu keinen ungewollten Eingaben kam.

Das Display besticht mit einer tollen Farbwiedergabe, durch und durch überzeugende Kontraste und einer scharfen Darstellung. Die Helligkeit ist insgesamt zufriedenstellend, so dass Inhalte auch bei direkter Sonneneinstrahlung gut lesbar bleiben. Ja, Huawei muss sich damit nicht von den teureren High-End-Smartphones verstecken.

Das Huawei Nova 10 Pro verfügt über ein gutes Display
Bild: vybe

In einem Punkt muss sich Huawei dann doch vor Flaggschiff-Smartphones, wie das Oppo Find X5 Pro oder Samsung Galaxy S22 Ultra geschlagen geben: Es steckt keine LTPO-Technologie im Display. Das bedeutet, es kann die Bildwiederholrate nicht automatisch im Bereich von 1 bis 120 Hz regulieren. LTPO-Displays benötigen daher weniger Akku.

Immerhin bietet Huawei die Möglichkeit an, die Bildwiederholrate in „Dynamisch“ (60 und 120 Hz), „Hoch“ (fix 120 Hz) und „Standard“ (fix 60 Hz) anzupassen. Ebenfalls lässt Huawei bei der Auflösung dem Nutzer die Wahl. Hier gibt es entweder „Niedrig“ (1768 x 800 Pixel), „Hoch“ (2652 x 1200 Pixel) oder eine „intelligente Auflösung“ (ein Mix aus Niedrig und Hoch).

Ausstattung, Leistung und Software

Huawei leidet nach wie vor unter den Sanktionen der USA. Das wird spätestens mit Blick auf den verbauten Chipsatz sichtbar. Zwar gibt es mit dem Qualcomm Snapdragon 778G ein aktueller Chipsatz (aus den USA..), der unter anderem auch im Nothing Phone (1) seine Dienste verrichtet, doch darf Huawei keine Smartphones mit 5G-Modem verkaufen. Das ist 2022 ein dicker Minuspunkt und liegt entsprechend schwer. 2022 noch ein Smartphone ohne 5G in dieser Preisklasse zu verkaufen, ist, sagen wir es mal so, ziemlich gewagt.

An der Leistung im Alltag gibt es beim Huawei Nova 10 Pro, dem 8 GB Arbeitsspeicher und nicht erweiterbare 256 GB Speicher zur Seite stehen, sonst nichts auszusetzen. Das Smartphone arbeitet ruckelfrei, Apps starten schnell und auch Games machen Spass darauf. In Benchmarks, auf die ich persönlich kaum Wert lege, fällt das Nova 10 Pro allerdings hinter ähnlich teuren Smartphones wie das Oppo Reno8 Pro (MediaTek-Chipsatz). Doch wie gesagt, im Alltag und auch beim Gamen bekommt man von diesem Unterschied nichts mit.

Die Verpackung vom Huawei Nova 10 Pro
Die Verpackung verrät es schon: Google ist hier nicht dabei | Bild: vybe

Kommen wir zur Software. Es ist inzwischen hinlänglich bekannt, dass Huawei seit 2019 auf die Google Mobile Services (GMS) verzichten muss. Huawei muss somit auf alle Google-Apps (inkl. Play Store) und auch alle von Google entwickelten Schnittstellen (APIs) verzichten. Letzteres sorgt dafür, dass auch eine Vielzahl an Drittanbieter-Apps nicht oder nur teilweise auf den Huawei-Smartphones funktionieren. In unserem Test zum Huawei P50 Pro haben wir dieses Thema ausführlich beleuchtet.

Huawei hat zwar in der Vergangenheit versucht, den einen oder anderen App-Entwickler davon zu überzeugen, ihre Apps in der App Gallery (Huawei’s Gegenstück zum Play Store) bereitzustellen. Das hat mehr schlecht als recht geklappt. Zumindest fehlen nach wie vor viele wichtige Apps. Dank Petal Search lassen sich zwar einige davon über andere Quellen installieren, doch wirklich komfortabel und sicher ist dieser Weg leider nicht. Ja, es ist letztendlich eine Lotterie, welche Apps funktionieren und welche nicht.

Das ist wirklich schade, denn EMUI 12 gehört zweifelsohne zu den besten Benutzeroberflächen für Android. Sie wirkt aufgeräumt und sieht wirklich gut aus – auch wenn offensichtlich der angebissene Apfel hier und da als Vorbild galt. Offensichtlich werden die Parallelen zu iOS im sogenannten Kontrollzentrum, wo es unter anderem die Shortcuts für Wi-Fi, GPS und Co. gibt.

Das Kameramodul des Huawei Nova 10 Pro
Bild: vybe

Kamera

Normalerweise steht bei uns jeweils die Hauptkamera im Fokus. Beim Nova 10 Pro sieht die Sache etwas anders aus. Der Grund dafür liegt bei der dualen Frontkamera, welche sich aus einer 60(!) MP-Ultraweitwinkel- und einer 8 MP-Portrait-Kamera zusammensetzt. Nein, wir haben uns nicht vertippt: Tatsächlich bringt Huawei in der pillenförmigen Aussparung eine 60 MP-Selfie-Cam unter.

Wie inzwischen hinlänglich bekannt ist, resultieren mehr Megapixel aber nicht zwangsläufig in qualitativ bessere Aufnahmen. Beim Nova 10 Pro enttäuscht die Kamera erfreulicherweise nicht. Die Selfies können sich definitiv sehen lassen und bietet neben einer guten Farbtreue, auch gute Kontraste und eine einwandfreie Bilddynamik. Vlogger werden sich über die 4K-Videoauflösung (30 fps) freuen. Zudem gibt es einen Autofokus und einen bis zu 5-fach Zoom.

Ein Beispielfoto der Selfie-Kamera

Selfie-Kamera
Ja, es war etwas kalt draussen ohne Jacke. | Bild: vybe

Starke Hauptkamera, zufriedenstellende Ultraweitwinkelaufnahmen

Die Triple-Kamera auf der Rückseite setzt sich aus einer 50 MP-RYYB-Hauptkamera, einer 8 MP-Ultraweitwinkelkamera und einer 2 MP-Portrait-Kamera zusammen. Interessant sind hierbei vor allem die Haupt- und Ultraweitwinkelkamera, welche ab einer Entfernung von zwei Zentimetern gleichzeitig auch als Makrokamera arbeitet. Die 2 MP-Portrait-Kamera ist einzig für den Bokeh-Effekt zuständig.

Die Hauptkamera hat uns bereits im Huawei P50 Pro überzeugt und tut es auch beim Nova 10 Pro. Die Kamera erzielt unter allen Bedingungen gute bis sehr gute Resultate. Ja, selbst unter schwierigen Lichtverhältnissen holt der Nachtmodus noch viel aus dem Sensor hervor und zaubert beeindruckende Aufnahmen auf den Bildschirm. Noch bessere Resultate erzielt die Kamera bei Tageslicht. Sie überzeugen mit einem breiten Dynamikumfang, schönen Details und einem ausgezeichneten Weissabgleich.

Die Kamera in Aktion
Bild: vybe

Gut, aber nicht ganz auf dem Niveau der Hauptkamera, ist die Ultraweitwinkelkamera. Dabei macht sich vor allem die etwas niedrige Auflösung von 8 Megapixeln bemerkbar. Zoomt man etwas stärker in die Aufnahmen hinein, fallen die fehlenden Details auf. Gleiches gilt, wenn die Ultraweitwinkelkamera im Makromodus arbeitet. Positiv ist dafür, dass sie ebenfalls mit einer schönen Farbwiedergabe zu überzeugen weiss.

Einige Beispielfotos der Haupt- und Ultraweitwinkelkamera

Bild mit Hauptkamera
Foto mit Hauptkamera | Bild: vybe
Foto mit Ultraweitwinkelkamera
Foto mit Ultraweitwinkelkamera | Bild: vybe
Foto mit Telelinse
Foto mit Telelinse | Bild: vybe

Akku und Laden

Das Huawei Nova 10 Pro verfügt über einen 4500 mAh Akku. Damit bin ich mit meinem doch recht intensiven Nutzungsverhalten (3,5h und mehr Display-on) problemlos über den Tag gekommen. Wer das Smartphone nur wenig nutzt, dürfte damit sogar auf 1,5 oder 2 Tage kommen. Das ist zwar kein Wert, der die Messlatte höherstellt, aber durchaus im guten Bereich angesiedelt ist.

Wenn der Akku dann mal zu Neige geht, lässt er sich dank Schnellladetechnologie mit bis zu 100 Watt sehr schnell wieder mit Stromversorgen. Sehr schnell heisst: Eine Ladung von 0 auf 100 Prozent dauert ziemlich genau 20 Minuten. Das passende Netzteil und USB-Kabel liefert Huawei erfreulicherweise gleich mit, was in der heutigen Zeit keine Selbstverständlichkeit mehr ist.

Achtung: Standardmässig scheint der Schnelllade-Modus (Turbomodus) deaktiviert zu sein. Dieser lässt sich über die Schnelleinstellungen bei Bedarf aktivieren.

Huawei Nova 10 Pro: Die Stärken und Schwächen

Das Huawei Nova 10 Pro
Bild: vybe

Huawei Nova 10 Pro: Das Testfazit

Mit dem Nova 10 Pro hat Huawei zweifelsohne ein gutes Smartphone abgeliefert. Das Problem ist seit 2019 aber immer dasselbe: Aufgrund der fehlenden Google Mobile Services (GMS) sind die Smartphones von Huawei nur schwer weiterzuempfehlen. Die Einschränkungen bei der Software und Ausstattung (fehlendes 5G) wiegen sehr schwer. Hinzu kommt eine (zu) hoch angesetzte Preisgestaltung, die es nicht einfach macht, eine Empfehlung auszusprechen.

All das ist schade, denn das Nova 10 Pro hat mit der hervorragenden Selfie-Kamera sogar ein Alleinstellungsmerkmal. Mit der hochauflösenden Selfie-Kamera spricht Huawei vor allem Vlogger (TikTok lässt Grüssen..) an, die damit sogar 4K-Video drehen können. Doch auch die insgesamt gute Triple-Kamera auf der Rückseite, das tolle AMOLED-Display und die überzeugende Akkulaufzeit wussten im Test zu gefallen.

Auch wenn Huawei in den nächsten Monaten den Preis für das Nova 10 Pro senken wird, sollte man sich den Einschränkungen stets bewusst sein. Man sollte sich vor dem Kauf gut überlegen, wofür man das Smartphone nutzen möchte und welche Apps einem wichtig sind. Denn nochmals: Nicht nur die Google-Apps fehlen auf den aktuellen Huawei-Smartphones, auch etliche Drittanbieter-Apps werden nicht mehr oder nur mit Einschränkungen genutzt werden können.

Anmerkung des Autors: Das Huawei Nova 10 Pro wird offiziell nicht in der Schweiz in den Verkauf gelangen.

Schreibe einen Kommentar